„Entsteht ein digitales Lumpenproletariat? Das meine ich nicht abwertend den Menschen gegenüber. Ganz im Gegenteil…“

Heinrich Birner, Referent beim ersten Münchner Digital Dialog am 16.5. in der Freiheizhalle über Digitalisierung wird die Arbeitswelt stark beeinfussen und für viele Arbeitnehmer werden sich die Rollen verändern. Die University of Oxford hat prognostiziert, dass 47 Prozent aller Jobs in den nächsten 25 Jahren in den weit entwickelten Ländern dieser Erde verschwinden werden.

 

Ulrike Meinhardt für den Isarnetz Blog im Gespräch.

Herr Birner, Sie sind Geschäfsführer ver.di-Bezirk München & Umgebung und erfahren täglich sehr direkt, was Arbeitnehmer bewegt, wenn sie lesen, wie sich die Arbeitswelt verändert und welche Auswirkungen die digitale Transformation auf jeden Einzelnen haben kann.

Frage:

Mit welchen Ängsten der Arbeitnehmer und Mitglieder der Gewerkschaft ver.di werden Sie am häufgsten konfrontiert?
Oder sehen die Arbeitnehmer sogar eher Chancen?

Antwort:

Wenn es um die Auswirkungen der Digitalisierung geht, sehen die wenigsten Beschäftigten für sich Chancen. Die Sorge des Einkommens- oder gar des Arbeitsplatzverlustes ist am meisten verbreitet. Aber auch die Sorge, sich berufich nochmal völlig umorientieren zu müssen.

Im Oktober letzten Jahres sagte Ihr Kollege Frank Bsirske anlässlich des Kongresses „Arbeit und Gesellschaft 4.0 – Mitbestimmen, mitgestalten“ in seiner Rede: „… wir haben es gehört, Prekarisierung im Zeichen platformbasierter, global handelnder Intermediäre, Anfälligkeit für Cyberkriminalität, Arbeitsplatzverluste bei gleichzeitger Arbeitsverdichtung, Fragen, wie Qualifzierungsbedarfe im Zeichen von Digitalisierung aufgenommen und wahrgenommen werden können, Transparenz und Kontrolle mit Daten als Herrschaftsinstrument. Alles Schlaglichter auf die digitalisierungsbedingten Probleme in der betrieblichen Praxis, alles Handlungsfelder gesellschaftlicher und politischer Gestaltung, alles Themen dieses Kongresses bzw. dieser Konferenz.“

Frage:

Wie begegnen die Gewerkschaften diesen neuen Herausforderungen?

Antwort:

Als Gewerkschaft agieren wir auf drei Handlungsebenen. Mit unserer Lobbyarbeit nehmen wir Einfluss, dass gesetzliche Rahmen- und Schutzregelungen wie der Kündigungsschutz ausgebaut und nicht noch weiter eingeschränkt werden. Die zweite Ebene sind die Betriebe und Dienststellen. Dort begleiten wir die Veränderungsprozesse. Wenn möglich, suchen wir in Sozialpartnerschaft mit den Unternehmen nach sozialverträglichen Lösungen. Wenn das nicht möglich ist, gehen wir aber auch Konfikten nicht aus dem Weg. Die dritte Ebene schließlich ist das Gewerkschaftsmitglied selbst, das einen individuellen Schutz, wie zum Beispiel den Rechtsschutz, von und bekommt.

Wir sehen, dass sich beispielsweise Startups, Entwickler, Programmierer oder Dienstleister aus Grafk und Text auf den einschlägigen Plattformen und Portalen bis ans existenzbedrohende Limit unterbieten. Und Freelancer können es sich häufg noch nicht einmal leisten, für die Rente vorzusorgen.

Frage:

Schöne neue Arbeitswelt? Digitale Bohème? Ist die Altersarmut vorprogrammiert?

Antwort:

Ich würde es noch schärfer formulieren. Entsteht da ein digitales Lumpenproletariat? Das meine ich nicht abwertend den Menschen gegenüber. Ganz im Gegenteil, ich kritsiere diese Art von Arbeit, aus deren Einkommen das Leben kaum bestritten werden kann. Und die im Rentenalter dazu führt, dass staatliche Almosen, sprich Sozialhilfe, beantragt werden muss.

Die Digitalisierung wird die Arbeitswelt stark beeinflussen und für viele Arbeitnehmer werden sich die Rollen verändern. Die University of Oxford hat prognostiziert, dass 47 Prozent aller Jobs in den nächsten 25 Jahren in den weit entwickelten Ländern dieser Erde verschwinden werden.

htp://www.oxfordmartn.ox.ac.uk/downloads/academic/The_Future_of_Employment.pdf

Frage:

Und wie gehen Ihrer Meinung nach die deutschen Unternehmen mit dem digitalen Wandel um? Hier speziell die bayerischen oder in München ansässigen. Reagieren diese zu langsam und könnten dadurch sogar noch viel schneller Arbeitsplätze verloren gehen?

Antwort:

Ich glaube nicht, dass uns die digitale Welle in kürzester Zeit überrollen wird. Zumindest nehme ich in den von uns betreuten Betrieben und Dienststellen das nicht wahr. Was ich allerdings nicht beantworten kann ist die Frage, ob manche Unternehmen aus der bisherigen analogen Welt die digitale Entwicklung verschlafen. Das wäre bitter, denn die Strafe im kapitalistischen Wirtschaftssystem ist dann der Untergang des Unternehmens.

Die Gewerkschaften setzen sich für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen ein: Soziale Gerechtgkeit, Menschenrechte, Gleichstellung, Frieden, Freiheit und Demokratie stehen immer im Mittelpunkt.

 
 

Frage:

Wie erreichen Sie heute die digitalen Nomaden, das digitale Prekariat, die Angestellten in Leih- und Zeitarbeitsunternehmen, die Beschäfigten im Niedriglohnsektor, die Minijobber? Lassen diese sich noch interessieren, organisieren und mobilisieren?

Braucht es hier eine Gewerkschaft 4.0, ein Ver.di 4.0?

Antwort:

Das ist eine spannende Frage, die mich schon seit geraumer Zeit bewegt. Fakt ist, dass sich die von Ihnen geschilderten Beschäftigtengruppen kaum gewerkschaflich organisieren. Das macht eine wirkungsvolle Interessensvertretung gegenüber der Politk, den Arbeitgebern oder den Aufraggebern kaum möglich. Dabei bietet ver.di heute schon den sog. Solo-Selbständigen, also auch den Click- und Crowdworkern, umfangreiche Hilfestellungen. Beispielsweise bei der Durchsetzung von Forderungen, wenn ein Aufraggeber die Rechnung nicht bezahlt.

Aber das reicht natürlich noch nicht aus, um zur Gewerkschaft 4.0 zu werden. Ich bin am überlegen, in München den Beschäfigten in den digitalen Berufsfeldern ein Forum zu organisieren, in dem sie sich austauschen können, wie sie unter diesem Dach ihre Interessen vertreten können. Einen Namensvorschlag hätte ich da auch schon im Kopf: „Digital Workers Associaton (DWA)“

Danke, Herr Birner, für dieses Interview.

Noch keine Karten für das Event? Hier geht es zur Anmeldung: http://muenchner-webwoche.de/digital-dialog/